Die reichste Stadt pro Kopf
In den ersten fünf Jahren wurden in den Feldern rund um Kolmanskop Diamanten im Wert von rund fünf Millionen Karat gefunden. Zwischen 1908 und 1913 förderte die gesamte Kolonie etwa 4,7 Millionen Karat im Wert von rund 152 Millionen Mark, und gut 40 Prozent davon flossen als Diamantensteuer an den Fiskus. Bezogen auf die wenigen hundert Einwohner galt Kolmanskop damals als Ort mit dem höchsten Pro-Kopf-Vermögen der Welt. Die Bewohner gingen davon aus, dass die Vorkommen ihnen noch sehr lange ein gutes Leben ermöglichen würden. Doch die Diamanten der Namib waren zwar von hervorragender Qualität, aber klein, und an der Oberfläche schneller abgesammelt, als man dachte.



1928: Das Feld am Oranje
Der Anfang vom Ende war eine gute Nachricht, jedenfalls für die Gesellschaft. 1928 wurden an der Mündung des Oranje, 270 Kilometer südlich, Diamantenvorkommen entdeckt, die die der nördlichen Felder bei weitem übertrafen. Die CDM richtete ihre Zukunft ab jetzt dort aus. Dann kam die Weltwirtschaftskrise, und Diamanten waren das Erste, was niemand mehr kaufte. Im April 1930, nur zwei Jahre nach der Einweihung des Kasinos, wurde die Produktion in Kolmanskop abrupt gestoppt. Die Centralwäsche wurde „konserviert“, in der Absicht, sie wieder anzufahren, sobald sich der Abbau wieder lohnen würde. Das geschah nie. 1934 wurden die letzten Vertragsarbeiter entlassen und nach Norden gebracht.
1941: Der Umzug
Kolmanskop blieb zunächst am Leben, weil die Werksbahn die einzige Versorgungsroute in den Süden war und weil das Krankenhaus die Region mitversorgte. 1941 aber verlegte die CDM ihre Zentrale endgültig nach Oranjemund, in die neue Firmenstadt an der Flussmündung. Die große Werkstatt wurde abgebaut und dort wieder aufgestellt; sie dient bis heute als zentrales Magazin der Mine. Sogar der Uhrturm, der vor der Verwaltung von Kolmanskop gestanden hatte, wurde demontiert und steht seither vor der Grundschule von Oranjemund. Nach Norden fuhr von da an nur noch, was in Oranjemund gebraucht wurde; 1951 machte die Oppenheimer-Brücke über den Oranje nach Port Nolloth in Südafrika auch das überflüssig.
1956: Die Letzten gehen
Mit der Schließung der Versorgungsroute hatte der Ort keinen Zweck mehr. 1956 verließen die letzten Familien Kolmanskop, das Krankenhaus schloss im selben Jahr. Was dann geschah, war kein langsames Vergessen, sondern Ausschlachtung. Wer in Lüderitz ein Haus baute, fuhr nach Kolmanskop und holte, was er brauchte: Fenster, Türen, Dielenböden. In den 1960er-Jahren wurde alles erreichbare Eisen abgebaut, die Schienen entfernt, und die Stahlkonstruktion der Centralwäsche, einst die modernste Anlage der Welt, wurde gesprengt und als Schrott verkauft. Was von ihr blieb, ist eine einzelne Stirnwand mit zwei Seitenwänden, die wie eine Filmkulisse in der Wüste steht. Erst dann kam der Sand.

1979: Angehaltener Verfall
Als der Ort geschlossen wurde, sah niemand einen Wert in ihm, weder historisch noch touristisch. Der erste Schritt zur Erhaltung kam 23 Jahre später. Im Februar 1979 beschloss die CDM, Kolmanskop als Museum zu entwickeln, beraten vom südafrikanischen Architekten und Kolonialarchitektur-Experten Walter Peters. Der Vorschlag war auch eine Rettungsleine für Lüderitz, das seit dem Rückzug der CDM 1944 selbst zur Geisterstadt zu werden drohte. Peters’ Konzept war so klug wie ungewöhnlich. Der Reiz des Ortes lag gerade darin, dass er einen völlig neuen Charakter angenommen hatte. Man sollte ihn also nicht rekonstruieren, sondern „in einem Zustand des angehaltenen Verfalls“ konservieren.
Die Architektin Edda Schoedder vermaß die Gebäude auf Grundlage des Bebauungsplans von 1929, von 1980 bis 1982 wurden die wichtigsten Sicherungsarbeiten durchgeführt, zuerst am Kasino, dann an Turnhalle, Ballsaal und Eisfabrik. Ab 1980 gab es Führungen; offiziell als Touristenattraktion eröffnet wurde Kolmanskop 1990, nachdem Nachkommen früherer Angestellter darauf gedrängt hatten. Im selben Jahr wurde Namibia unabhängig, und 1994 trat an die Stelle der CDM die Namdeb, ein Gemeinschaftsunternehmen des Staates und von De Beers. Sie ist bis heute Eigentümerin des Geländes, das nach wie vor unter Bergbaulizenz steht. Seit 2002 betreibt die private Gesellschaft Ghost Town Tours Führungen, Museum und Restaurant.
Was seither geschah
Seit den 1980er-Jahren hat sich am Konzept wenig geändert, und der Verfall geht trotz Wartung weiter. Sandstürme, rund 200 im Jahr, arbeiten schneller als jede Restaurierung. Dafür ist der Ort zur Ikone geworden. Kolmanskop steht in jedem Bildband über verlassene Orte, ein Foto von Chris Gray brachte ihn 2002 in die National Geographic, die ZDF/Arte-Reihe „Moderne Ruinen“ zeigte ihn 2012, und für die Amazon-Serie „Fallout“, deren erste Staffel 2024 erschien, wurden Szenen in den sandgefüllten Häusern gedreht. Die Besucherzahlen sind seither spürbar gestiegen. Der Ort, den 1956 alle verließen, lebt heute von den Menschen, die kommen, um genau diese Leere zu sehen.
August Stauchs Ende
Auch dem Mann, der alles begonnen hatte, brachte der Fund kein dauerhaftes Glück. August Stauch hatte mit den Steinen aus dem Sand Millionen verdient und in Deutschland Güter, Fabriken und ein Zinnbergwerk gekauft; Inflation, Krieg und Weltwirtschaftskrise nahmen ihm fast alles wieder. 1947 starb er in Eisenach, in seiner thüringischen Heimat, an Magenkrebs, im Beisein seiner jüngsten Tochter Käthe. Es wird berichtet, dass man bei seinem Tod 2,50 Mark bei ihm fand. Seine Geschichte →
